Bericht über die Fachgruppen-Exkursion zur ehemaligen Kolonialschule in Witzenhausen

Am 27.10.2017 fand die erste Exkursion der Fachgruppe Ethnologie statt. Geplant war, in Anschluss an die Veranstaltung mit Prof. Dr. Rebekka Habermas im vergangenen Semester, das Thema des historischen Kolonialismus wieder mehr in die ethnologische Diskussion einzubringen. Dazu haben wir Roland Laich, der sich seit mehreren Jahren ehrenamtlich mit der Aufarbeitung der Geschichte der ehemaligen Kolonialschule in Witzenhausen befasst, eingeladen einen Rundgang über das Gelände des heutigen Deutschen Instituts für tropische und subtropische Landwirtschaft (DITSL)  zu leiten.

Begonnen hat die Veranstaltung gegen 11 Uhr im Hörsaal des Instituts für Ethnologie mit einer kurzen Einleitung und einem historischen Film über die Deutsche Kolonialschule für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe von 1938. In dem Film wurde dargestellt, wie die Ausbildung in der Kolonialschule ablief, außerdem bekamen die Teilnehmenden einen Eindruck davon, wie diese mit dem nationalsozialistischen Staat verbunden war.

Im Anschluss fuhren wir gemeinsam mit dem Zug nach Witzenhausen. Dort begann der Rundgang auf dem Gelände des DITSL mit einer kleinen Einleitung in die Geschichte des Kolonialismus un die damit verbundene Rolle der Kolonialschule. Es wurde ausgeführt, wie die Ausbildung an der Kolonialschule durchgeführt wurde und welche Aufgaben Kolonialschüler (an der deutschen Kolonialschule in Witzenhausen wurden insgesamt nur sieben Frauen ausgebildet, die Ausbildung für Frauen im Kolonialdienst fand dann in Rensburg statt) wahrgenommen haben. Der wichtigste Teil der Ausbildung widmete sich der landwirtschaftlichen Ausbildung in den Kolonien.

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Die Rolle der Kolonialschüler in den Kolonien wurde im nächsten Teil beleuchtet. Hier ging es besonders um den Genozid an den Herero (Namibia). Anhand verschiedener Quellen (hauptsächlich aus dem „deutschen Kulturpionier“) wurde gezeigt, dass Kolonialschüler an den Verbrechen beteiligt waren. Besonders die Rolle des Schulgründers, Ernst Albert Fabarius, wurde beleuchtet. Auf dem Gelände der ehemaligen Kolonialschule wird noch heute an diese umstrittene Persönlichkeit erinnert.

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Im nächsten Teil (der in der Cafeteria des DITSL stattfand) wurde über den Antisemitismus an der Schule gesprochen. Viele antisemitische Äußerungen sind im „deutschen Kulturpionier“ enthalten. Besonders nach dem Ende des ersten Weltkrieges haben sich einige Schüler antisemitisch geäußert. Hier ging es auch um die Beteiligung an Gruppen, die sich dazu aufgemacht haben die Weimarer Republik aufzulösen, darunter beispielsweise der „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“. So kam es am 5.8.1931 zu einem größeren antisemitischen Pogrom, als Kolonialschüler ein Lager des jüdischen Wanderbundes Brith Haolim, der gerade auf Burg Ludwigstein gastierte, angriffen.

Die Schüler der deutschen Kolonialschule waren besonders früh und stark für die NSDAP aktiv. Dabei beteiligten sie sich an der Zerstörung der Synagoge in Witzenhausen und unterstützen allgemein in großem Ausmaß den nationalsozialistischen Staat (wie bereits zu Beginn der Veranstaltung durch den Film deutlich geworden war).

Im nächsten Teil widmete sich Roland Laich der Geschichte der „Artamanen“. Diese aus der Jugendbewegung hervorgehende Gruppe nahm sich vor, eine edle „Rasse“ zu gründen, indem sie sich auf völkische Ideen bezog und verschiedene Siedlungsprojekte anstieß, in denen die Ideen der Artamanen ausgelebt werden sollten. Berühmte Mitglieder dabei waren Heinrich Himmler und Richard Darré. Hier ging es auch um das Weiterleben von völkischen Ideen nach 1945. Die Neo-Artamanen verfolgen die gleiche Ideologie und stehen im engen Kontakt zu früheren Artamanen, auch über Witzenhausen. Derzeit befinden sich in Deutschland verschiedene Siedlungen der Neo-Artamanen, in denen diese völkischen Vorstellungen gelebt werden.

Den Abschluss der Exkursion bildeten einige Ausführungen zu der Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Kolonialschule durch den Rechtsnachfolger das DITSL. Diese begann nur zögerlich. Bis in die 80er Jahre hinein beschäftigte sich niemand an der Schule mit der Geschichte der Einrichtung. Erst durch die Initiative einiger Personen, darunter Sigmar Groeneveld, emeritierter Professor an der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Kassel, wurde Ende der 80er Jahre eine erste Aufarbeitung in Gang gesetzt. Darauf folgten lediglich Initiativen von Studierenden, darunter auch Roland Laich, die versucht haben die Geschichte der Kolonialschule öffentlich zu machen. Besonders ehemalige Schüler der Kolonialschule, vor der Umbenennung, haben eine Aufarbeitung verhindert. In den letzten Jahren hat sich die Schule allerdings immer mehr diesem Thema geöffnet, auch wenn noch sehr viel Raum für Forschung bleibt. Derzeit betreibt neben Roland Laich, vor allem eine Gruppe von Studierenden die weitere Aufarbeitung der Geschichte der Kolonialschule.

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Insgesamt war es eine sehr interessante Veranstaltung. Roland Laich hat verschiedene Aspekte der Geschichte der Kolonialschule aufgezeigt und auch die aktuellen Auswirkungen beleuchtet. Die Teilnehmenden, viele Erstsemester darunter, haben sich durch viele Nachfragen und Anmerkungen rege beteiligt. So konnten am Ende alle zufrieden zurück fahren, mit der Hoffnung, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kolonialschule in Witzenhausen weitergeht. Das Interesse an weiteren Exkursionen war dabei sehr groß.

 

Weiterführende Lektürehinweise (auf Wunsch der Teilnehmenden):

Eine kurze Inhaltsübersicht des Rundgangs zum Nachlesen:

http://ns-familien-geschichte.de/angebote/41-angebote-zweite-ebene/74-rundgang-zur-geschichte-der-ehemaligen-kolonialschule-witzenhausen

Digitalisiertes Archiv der internen Zeitung der Kolonialschule „Der Deutsche Kulturpionier“:

http://www.jarts.info/kulturpionier/

Film „Die Arier“ von Mo Asumang in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung:

http://www.bpb.de/mediathek/198266/die-arier

Mo Asumangs Großvater war in der SS, ihre Großmutter Ghanaerin. Sie interviewt Leute auf der Straße und Nazis und fragt, wer „die Arier” seien. Außerdem reist sie zu den „echten Ariern“, einer Bevölkerungsgruppe im Iran, die traditionell großen Wert auf Toleranz zwischen allen Religionen legt.

Broschüre „Völkische Siedler/innen im ländlichen Raum – Basiswissen und Handlungsstrategien“ (PDF), Hrsg: Amadeu Antonio Stiftung:

http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/voelkische-siedler

Broschüre „Braune Ökologen – Hintergründe und Strukturen am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns“ (PDF), Hrsg: Heinrich Böll Stiftung, 2012:

https://www.boell.de/sites/default/files/Braune-Oekologen.pdf

Zur fantasierten Vorstellung eines ackerbauenden und wehrhaften Volks von Germanen / Ausstellung „Graben für Germanien – Archäologie unterm Hakenkreuz“:

http://www.focke-museum.de/de/sonderausstellungen/rueckblick/germanien

http://roemerschlachtamharzhorn.de/mythos-germanien

Ausstellungskatalog:

https://www.wbg-wissenverbindet.de/7990/graben-fuer-germanien

Rezension bei HSozKult:

http://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-175

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